Der Tabakanbau in Heddesheim

Tabakanbau

Als der Tabak im frühen 16.Jahrhundert in Europa zum ersten Mal auftauchte, verdankte er seine Bekanntheit und Verbreitung nicht so sehr seiner Verwendung als Genußmittel, sondern er erregte die Aufmerksamkeit als Heilpflanze. Der französische Gesandte am Hofe in Lissabon, Jean Nikot, der die Heilkraft der Tabakpflanze erforschte und ihm zu Ehren erhielt die Pflanze und das in ihr enthaltene Alkaloid seinen Namen. Die Sitte des Rauchens kam erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts beim Hochadel langsam auf. In der Form des Pfeifenrauchens verbreitete sich die Sitte beziehungsweise Unsitte, von England ausgehend, zunächst über West- und Mitteleuropa.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fand man zunehmend Gefallen am Zigarrenrauchen und um 1850, nach Ende des Krimkriegs, wurde das Zigarettenrauchen Mode und verbreitete sich, von den Soldaten ausgehend, schnell auf die übrige Bevölkerung. Im Jahr 1862 entstand in Dresden die erste Zigarettenfabrik auf deutschem Boden. Parallel zu diesen Trends entwickelte sich auch der Tabakanbau.
Die ersten Tabakpflanzungen im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gab es bereits um 1580 im Elsaß und der Pfalz. Im Jahr 1600 wird der Tabakbau in der Region Mannheim/Heidelberg bezeugt und damit dürfte auch Heddesheim mit einbezogen werden, denn die Entscheidung was und wieviel in der damaligen Zeit angebaut wurde, entschied der Landesherr und nicht der einzelne Bauer. In Ladenburg ließen sich 1610 die italienischen Bürger Scota nieder, die sich im besonderen Maße dem Tabak widmeten. 1620 wurden bereits im großen Stil Flächen mit Tabak bepflanzt. Die ältesten Belege über den Tabak in unserer Gemeinde stammen aus der Zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

1756 wird berichtet, dass der katholische Pfarrer „einen neuen Tabakschoppen“ erhalten hat. „ Am 21.10.1772 erkaufte Leonard Baußewein, hießiger Bürger, von der Bürgerin Wittib Gaberin, geborene Schrödelseckerin, auf Gutheißung ihres Bruders Schultheis Conradt Schrödelsecker, eine Behausung im Prostock (=Vorstadt) gelegen mit Platz für eine Tabakkutsche.“ Ein Jahr später, am 3.3.1773 „erkeuft hießiger Bürger Franz Maas vom Bürger Michael Schubach und seiner Ehefrau Johanna, geb. Scherbin, eine Behausung mit Tabakschoppen im unteren Dorf gelegen“ und am 5. März 1775 „kauft Nikolai Alles, Bürger und Sattlermeister dahier, Tabakstangen“. Ein weiterer Beleg stammt vom 28.4.1780. Hier „ verkauft Agnes Keßlerin Wittib zweiviertel Garten, bezahlt von Adam Reinhardt mit noch vorrätig habenden 1778iger Tabak“. Diese letzte Äußerung zeigt, dass Tabak offensichtlich in hohem Ansehen stand, so dass er als Zahlungsmittel verwendet wurde. Weiter lassen diese Abgaben erkennen, dass die Art des Anbaus sich seit damals im Prinzip nicht geändert hat, das heißt es erfolgte zunächst die Aussaat des Tabaks in Beeten (Tabakskutschen) , danach das Setzen der Jungpflanzen auf dem Feld und schließlich das Brechen der Tabakblätter. Anschließend wurden die Blätter eingenäht und zum Trocknen in den Scheunen aufgehängt.

Großen Aufschwung nahm der Tabakbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als das Zigarettenrauchen, wie schon erwähnt, in alle Schichten der Bevölkerung Eingang fand. In Heddesheim widmete sich der evangelische Pfarrer Johann Philipp Allmang in der Zeit von 1851-67 der Kultivierung des Tabaks.

Nach dem ersten Weltkrieg bis zum Jahr 1939 erreichte der Tabakbau in Heddesheim seinen Höhepunkt. Mit einer Anbaufläche von 292,40 Hektar und 243 Pflanzern nahm Heddesheim im Deutschen Reich eine Spitzenposition ein und war die größte Tabakgemeinde Deutschlands. Der Tabakertrag in Zentnern belief sich 1935 auf 17 938,52 Zentner. Als Vergleich sei das Jahr 1986 angeführt, als in Heddesheim die erzeugte Menge an Rohtabak 1 615,80 Zentner betrug.

Mit dem Aufschwung des Tabaks wuchs auch das Selbstbewusstsein der Tabakpflanzer. Man versuchte sich dem Druck des Tabakhandels, insbesondere der Makler, zu entziehen, indem man sich zusammenschloss. Bereits 1909 erfolgte die Gründung des ersten Tabakvereins.Ziel des Zusammenschlusses war es, neben der Stärkung der eigenen wirtschaftlichen Position, gemeinsame Qualitätskriterien für den Tabakbau aufzustellen, um eine Qualitätsverbesserung zu erreichen sowie eine Beratung für Tabakpflanzer einzuführen.

Illustration: Tabakbauer Karl Sauter
In Heddesheim gründeten die Pflanzer am14. 6. 1927 den „Qualitätstabakbauverein“, wie er sich nannte, mit dem Hauptziel, „stabile Preise für den Tabak gegenüber dem Handel durchzusetzen“. Zum ersten Vorsitzenden wählte die Versammlung Hans Reinhard, zweiter Vorsitzender war Georg Bitzel und Geschäftsführer Albert Fath. Im Jahr 1994 hatte Wilhelm Schaaf das Amt des Vorsitzenden inne und Geschäftsführer war Heinrich Heinz.

Nach Bildung des Landesverbandes im Jahr 1929, dem sich alle örtlichen Tabakbauvereine anschlossen gelang es, den Einfluss der Makler zurückzudrängen und in freien Versteigerungen in Heidelberg, Schwetzingen und Karlsruhe den Tabak nach Höchstgebot zu verkaufen. Man hatte das Ziel- wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Tabakhandel, insbesondere den Marklern- endlich erreicht.

Ging auch der Tabakbau, bedingt durch den 2. Weltkrieg, auf einen kaum bedeutsamen Faktor in der Landwirtschaft zurück - 1945 wurden in Heddesheim noch 1 200 Zentner geerntet - so nahm er jedoch Anfang der 50er Jahre an Bedeutung rasch zu. 1953 wurden 187 Hektar Tabak angebaut und die Entwicklung ging weiter aufwärts. Da kam 1960 der tiefste Einschnitt durch den Befall der Tabakpflanzen mit Blauschimmel. Circa 28 Hektar Anbaufläche wurden total zerstört. Für den entstandenen Schaden erhielten die Pflanzer einen Zuschuß von Bund und Land, dennoch waren die Folgen verheerend. 1961 konnten das Sandblatt und das Hauptgut nicht verkauft werden. Ein drastischer Rückgang der Anbaufläche folgte. Im Jahr 1963 bauten noch 74 Pflanzer eine Fläche von 96 Hektar Tabak an und 1970 gab es 64 Pflanzer und eine Anbaufläche von ca. 80 Hektar. Bis zum Jahr 1986 gingen die Anbaufläche auf 67 Hektar und die Zahl der Pflanzer auf 34 zurück. 2011 war das letzte Tabakjahr in Heddesheim, der Tabakbauverein löste sich auf und die letzten Tabakbauern beendeten den Anbau - auch eine Entwicklung, die die landwirtschaftliche Situation in Deutschland insgesamt prägt.

Tabakbrunnen Heddesheim

Auch in Heddesheim hat die Landwirtschaft und hier besonders der Tabakanbau die dominierende Stellung verloren und lediglich die Tabakscheunen, die unserer Gemeinde in typisches Gepräge gaben und zur Zeit noch geben, künden von der einstigen Bedeutung Heddesheims für den deutschen Tabakbau.

Dr. Hans-Joachim Weitz †

  • Gemeinde Heddesheim
  • Fritz-Kessler-Platz
  • 68542 Heddesheim
  • So erreichen Sie uns: Tel. (06203) 101-0
  • gemeinde@heddesheim.de
Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass unsere Dienste Cookies verwenden. Mehr erfahren OK